Landeskompetenzzentrum für Demenz in Sachsen-Anhalt

Neue Versorgungsformen

„Menschen mit Demenz benötigen eine medizinische und pflegerische Versorgung, die auf ihren individuellen und krankheitsbedingten Bedarf abgestimmt ist.“ (Nationale Demenzstrategie, 2020: 83)

Um dies zu erreichen, müssen zum Beispiel die Abläufe in bestehenden Einrichtungen demenzsensibel gestaltet, besser vernetzt und ausgebaut werden.

Doch zusätzlich treten neue Versorgungsformen auf den Plan: Eine Übersichtsstudie im Rahmen der Nationalen Demenzstrategie sieht positive Tendenzen dieser und attestiert weiteren Forschungsbedarf (Kirstein et al., 2021).

Einen Vortrag über Green Care und Pflegehöfe gab es bei unser Fachtagung 2025. Diesen finden Sie hier.

Auf dieser Seite informieren wir über neue Versorgungsformen und sammeln entsprechende Beispiele.

Green Care – Natur als therapeutischer Raum

Was ist Green Care?

Green Care bezeichnet naturbasierte therapeutische Ansätze, die das Wohlbefinden und die Lebensqualität von Menschen mit Demenz fördern können. Durch Aktivitäten in der Natur wie Gartenarbeit, Tierpflege oder Spaziergänge sollen positive Effekte auf die physische und psychische Gesundheit erzielt werden.

Wirkung und Vorteile

Tätigkeiten in der Natur wie Gärtnern und Arbeiten mit Tieren bieten vielfältige Sinneseindrücke. Diese Aktivitäten können helfen, Erinnerungen zu wecken und ein Gefühl von Zweck und Erfüllung zu vermitteln.

Der Aufenthalt in natürlichen Umgebungen wirkt beruhigend und kann helfen, Stress, Angst und Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit Demenz zu reduzieren. Die ruhige und entspannte Atmosphäre der Natur unterstützt das emotionale Wohlbefinden.

Green Care soll die soziale Interaktion durch gemeinsame Aktivitäten fördern. Soziale Bindungen können gestärkt werden, was Isolation und Einsamkeit verringert.

Körperliche Aktivitäten wie Gartenarbeit oder Spaziergänge fördern die Mobilität und tragen zur allgemeinen Fitness bei.

Tiergestützte Therapie als Teil von Green Care

Tiergestützte Interventionen sind ein wichtiger Bestandteil von Green Care. Studien zeigen positive Effekte auf Sozialverhalten, Emotionen und psychische Symptome bei Pflegeheimbewohnern mit Demenz. Der Kontakt zu Tieren kann Agitation und Depression reduzieren und die Lebensqualität verbessern.

Pflegehöfe – Leben und Pflege in ländlicher Umgebung

Konzept und Merkmale

Pflegehöfe sind spezialisierte Pflegeeinrichtungen in ländlichen Gebieten, die speziell für Menschen mit Demenz konzipiert sind. Sie verbinden professionelle Pflege mit den Vorteilen des Landlebens und bieten eine alternative Wohn- und Pflegeform.

Charakteristische Merkmale von Pflegehöfen:

  • Naturnahe, ruhige Umgebung auf einem funktionierenden Bauernhof
  • Klar strukturierter Tagesablauf mit festen Routinen
  • Einbindung der Bewohner in alltägliche Aktivitäten wie Gartenarbeit, Tierpflege oder handwerkliche Tätigkeiten
  • Betreuung in kleinen Gruppen für eine familiäre Atmosphäre
  • Speziell geschultes Personal mit Expertise in der Demenzpflege
  • Integration von Green Care-Elementen in den Alltag


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Positive Effekte

Erhalt von Fähigkeiten und Aktivierung

Durch die Einbindung in sinnvolle, biografisch verankerte Aktivitäten können bestehende Fähigkeiten länger erhalten bleiben. Die Tätigkeiten stimulieren kognitive Funktionen und vermitteln Erfolgserlebnisse.

Verbesserung der Lebensqualität

Studien zeigen, dass Menschen mit Demenz auf Green Care Farms eine höhere Lebensqualität erleben als in regulären Pflegeeinrichtungen. Die natürliche Umgebung und individuell angepasste Betreuung tragen erheblich dazu bei.

Aus der Praxis: Geschichten vom Pflegehof

Eine Ode an Fliegen

Eine kleine Geschichte illustriert den besonderen Ansatz auf Pflegehöfen: Die Fliegen, die naturgemäß zum Landleben gehören, werden nicht nur als Ärgernis gesehen.

„Ja, die Fliegen sind nervig, aber genervt sein ist eine starke Emotion. Und gerade bei Demenz sind Gefühle etwas Gutes! Dann werden die Menschen stimuliert, sie gucken was hier herumfliegt und summt, sie haben ein Gesprächsthema und regen sich mal so richtig auf!“

— Manager eines niederländischen Pflegehofes

Tatsächlich wurde eine Bewohnerin beobachtet, die mit großem Eifer Fliegen mit bloßer Hand fing – eine Aktivität, die ihr Freude bereitete, sie stimulierte und ihr ein Erfolgserlebnis verschaffte, als sie tatsächlich eine Fliege fing und stolz der beeindruckten Mitarbeiterin präsentierte.

Pflege als wechselseitige Beziehung

Eine Pflegekraft auf einem niederländischen Pflegehof beschreibt ihre Motivation:

„Manchmal ist es nur ein Lächeln und ein ‚Danke Schatz‘, aber das bedeutet uns so viel.“

— Doris, Pflegekraft

Sie berichtet, dass sich Bewohner auch gegenseitig helfen – eine schiebt den Rollstuhl der anderen, jemand schenkt Kaffee ein, zwei Bewohnerinnen halten sich an den Händen. Pflege wird hier nicht als Einbahnstraße erlebt, sondern als wechselseitiger Prozess.

Offene Türen – kreative Lösungen statt Verbote

Ein eindrückliches Beispiel für den respektvollen Umgang: Als ein Bewohner mit fortgeschrittener Demenz das Hoftor öffnen wollte, pflückte eine Mitarbeiterin eine große gelbe Blume, berührte ihn sanft am Arm und überreichte ihm die Blume. Voller Staunen studierte er sie, sein Gesicht erhellte sich. Sie bot ihm ihren Arm an und gemeinsam gingen sie zurück zum Wohnhaus – eine kreative, würdevolle Alternative zum Verbieten.

Herausforderungen

Verfügbarkeit und Erreichbarkeit

Kosten

Pflegehöfe sind in Deutschland noch selten. In Sachsen-Anhalt ist aktuell kein Pflegehof bekannt. Der ländliche Standort kann für Besucher und Familienangehörige weniger zugänglich sein und regelmäßige Besuche erschweren. Aufgrund ihrer speziellen Angebote und der ländlichen Lage können Pflegehöfe teurer sein als herkömmliche Pflegeheime.

 

Entwicklungen und Beispiele

Bestehende Initiativen

Obwohl Pflegehöfe in Deutschland noch eine Nische darstellen, gibt es ermutigende Entwicklungen:

Internationale Vorbilder

Niederlande

Green Care Farms für Menschen mit Demenz sind bereits etabliert. Die niederländischen Erfahrungen zeigen, dass diese Einrichtungen als innovative Form von Pflegeheimen fungieren können, die Aktivitäten und soziale Interaktion fördern.

Norwegen

Vergleichsstudien zeigen Vorteile der Pflegehof-Umgebung gegenüber regulärer Tagesbetreuung und belegen positive Effekte auf die Versorgungsqualität.

Ambient Assisted Living – Technologie für mehr Selbstständigkeit

Unter Ambient Assisted Living wird die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie verstanden, die Menschen mit Demenz dabei unterstützen soll, möglichst unabhängig zu leben.

Anwendungsbereiche

  • Gesundheitsüberwachung: Vernetzte medizinische Sensoren überwachen Gesundheitsdaten aus der Ferne und erkennen Notfälle wie Stürze sofort.
  • Soziale Vernetzung: Videoanrufe und soziale Plattformen können soziale Isolation verringern und ermöglichen den Kontakt mit Familie und Freund*innen.
  • Kognitive Stimulation: Multimediale Anwendungen fördern die kognitive Aktivierung und unterstützen das Training geistiger Fähigkeiten.
  • Medikamentenmanagement: Technologische Hilfsmittel erinnern an die korrekte Medikamenteneinnahme und unterstützen die Therapietreue.

Einsatzmöglichkeiten

Entsprechende Technologien können in verschiedenen ambulanten, stationären und kommunalen Settings angewendet werden. Ein häufiger Fokus ist die eigene Häuslichkeit von Menschen mit Demenz im Zusammenspiel mit professionell oder informell Pflegenden.

Viele technologische Hilfsmittel können bereits heute von der Krankenkasse bezuschusst oder übernommen werden. Diese werden im Hilfsmittelverzeichnis des GKV-Spitzenverbandes gelistet.

Weiterführende Informationen und Forschung

Green Care

Pflegehöfe